Liebe,
Limo und Popmusik
Produzentin Frau P. erzählt aus dem
manchmal recht anstrengenden Alltag mit einer Boygroup
Die Achtziger-Jahre-Party
| Also, mit der Achtziger-Jahre-Party war das so eine
Sache. Die Jungs hatten in der Zeitung gelesen, daß die
siebziger Jahre im Moment wieder ganz angesagt seien, und
weil sich an die Siebziger keiner von ihnen so richtig
erinnern konnte, hatten sie beschlossen, stattdessen
einfach eine Achtziger-Jahre-Party zu feiern, und zwar
bei Michi, der sturmfreie Bude hatte. Jeder mußte etwas
Blödes mitbringen, das er in den achtziger Jahren
gemacht hatte. Janni hatte ein Video dabei, auf dem man
ihn mit der Trommel um den Weihnachtsbaum springen sah,
und Michi eines, auf dem er eine total peinliche Rede
hielt. Worum es in der Rede ging, kann ich gar nicht so
genau sagen, weil alle so laut lachen mußten dabei. Es
war wohl etwas aus dem Religionsunterricht. Sascha hatte
alle seine Nena-Kassetten mitgebracht und konnte sogar
die Texte mitsingen, und Harry schleppte einen
Plattenspieler an, den aber dann leider niemand bedienen
konnte. Michi hatte zwei Kisten Limo und etwas
Knabberzeug eingekauft, und um den Jungs eine besondere
Freude zu machen, hatte ich ihnen ein Stückchen
Haschisch mitgebracht, dem allerdings jeder Wirkstoff
entzogen worden war. Das wußte nur ich, weil ich es
schon seit 1982 in meinem Kühlschrank liegen gehabt
hatte, aber es war sehr spaßig, wie Sascha und Michi um
die Wette behaupteten, die lustigsten Halluzinationen und
"schon ganz tolle Ideen für neue Songs" zu
haben. Davon gibt es sogar ein Video, für das sich
angeblich das Bundesgesundheitsministerium wegen einer
neuen Kampagne interessiert. Als Michi später mit einem mir ganz unbekannten Freund in der Küche verschwand, um dort irgendwelche "Privatangelegenheiten" zu erledigen, entdeckten Sascha und Janni einen kleinen Block Post-It-Notizzettel auf seinem (übrigens sehr aufgeräumten) Schreibtisch. "Da schreiben wir jetzt auf alle 'Tritt mich!' drauf und dann kleben wir sie überall hin!" fiel ihnen ein. Gesagt, getan, und schon nach einer halben Stunde war Michis Zimmer nicht mehr wiederzuerkennen. Dann bekamen noch alle Dateien auf seinem Computer witzige neue Namen wie "Gelsenkirchen" und "Bügelbrett". Cool! Sascha und Janni wälzten sich auf dem Boden vor Begeisterung. Allerdings gingen von meinen ganz unten aus dem Schrank gekramten Achtziger-Jahre-Klamotten, besonders von meiner engen, längsgestreiften Hose, wohl ungünstige Emanationen aus, jedenfalls wurde mir gleich nach dem Anziehen ziemlich übel und ich war den ganzen Abend indisponiert. Da ich in der Zeitung gelesen hatte, daß Krebspatienten gegen Übelkeit das Rauchen von Haschisch verordnet wird, rauchte ich ganz viel davon und aß dazu Gewürzspekulatius, aber es half alles nichts und ich mußte mich in den frühen Morgenstunden in Michis Toilette erbrechen. Das war sehr unangenehm, gerade wo man als Produzentin doch einen gewissen Ruf zu wahren hat... "Na, Krebs haben Sie jedenfalls keinen, Frau P." sagte Harry auf dem Heimweg im Auto aufmunternd zu mir. Der einzige, der am nächsten Morgen pünktlich zur Arbeit im Studio auftauchte, war Michi. Sascha behauptete, nach der vielen Limonade ginge es ihm gar nicht gut und er könne auf keinen Fall arbeiten, Janni hatte verschlafen und war erst rechtzeitig zu den "Simpsons" aus den Federn gekrochen und Harry war sowieso zwangsbeurlaubt worden, weil er lernen sollte, nicht immer zu spät zu kommen. Das war die Achtziger-Jahre-Party, und die Jungs haben mich gebeten, sowas doch bald mal wieder in die Wege zu leiten; vielleicht von den Erlösen ihrer nächsten Single. Mal sehen. |